Bildung und Bedarf – Welche Fähigkeiten benötigt der Markt in zehn Jahren?


Die Aus- und Weiterbildung ist in der Lebensmittelindustrie von zentraler Bedeutung. Die Vertreter der Nahrungsmittelbranche sehen sich vor grossen Herausforderungen und passen ihre Herstellungsprozesse laufend neuen Bedürfnissen an. Entsprechend wichtig ist es, auch die Ausbildung mit innovativen Konzepten anzugehen. Dazu ein konkretes Beispiel von Micarna.

Micarna baute die Berufsbildung in den letzten Jahren stark aus: von rund 20 Lernenden (2007) auf knapp 130 Lernende (2017).

Die Landwirtschaft und die Verarbeitung ihrer Produkte geniessen einen hohen Stellenwert in der Schweiz. Auf der anderen Seite war unser Konsumverhalten schon immer grösseren Schwankungen unterworfen und mit ihm die Lebensmittelindustrie. Galt früher Schweinefleisch als edles, wertvolles Nahrungsmittel, wird heute vor allem Geflügel nachgefragt. War es für unsere Grosseltern selbstverständlich, alle Teile eines Tieres zu essen, kennen heutige Generationen Gnagi und Schweinsbraten mit Schwarte nur noch aus Erzählungen. Neben dem sich verändernden Konsumverhalten hat vor allem die technologische Entwicklung einen grossen Einfluss auf die Entwicklung der Lebensmittelbranche in der Schweiz.

Ausgebildete Fachkräfte sind gefragt
Neue IT-Anbindungen, automatisierte Abläufe oder die Digitalisierung beeinflussen aber nicht nur die Produktionsabläufe. Diese Entwicklungen haben vor allem Einfluss auf die benötigten Fähigkeiten der Menschen, welche wir in Zukunft als Mitarbeitende in der Industrie benötigen. Die Digitalisierung macht Mitarbeitende nicht überflüssig, sondern sie steigert den Bedarf an ausgebildeten Fachkräften. In diesem Bereich kommt der Berufsbildung eine zentrale Rolle zu: Wollen wir auch in Zukunft Fachkräfte haben, welche unseren Herausforderungen gewachsen sind, müssen wir diese selber aus- und weiterbilden. Die Schweiz liefert mit ihrem dualen Bildungssystem beste Voraussetzungen dafür. Diese zu nutzen und dieses Potenzial in ein langfristiges Kapital eines Unternehmens zu wandeln, ist Aufgabe der Wirtschaft. Mit einem klaren Fokus auf ihre Ausbildung konnte die Micarna ihre Berufsbildung in den letzten Jahren von rund 20 Lernenden (2007) auf knapp 130 Lernende (2017) markant steigern. Dennoch: Trotz dieser Anstrengungen ist die Micarna nicht in der Lage, all ihre Ausbildungsplätze jedes Jahr auch zu besetzen.

Innovatives Lehrlingsprojekt
Dabei gibt es in einem Fleischverarbeitungsbetrieb schon lange nicht mehr nur den Metzgerberuf zu erlernen. 18 verschiedene Berufe bildet das Fleischverarbeitungsunternehmen heute aus. Gerade die technischen und gesellschaftlichen Entwicklungen in den letzten Jahrzehnten haben zu einem hohen Spezialisierungsgrad in der Berufsbildung geführt. Heute werden keine billigen Hilfskräfte benötigt, sondern versierte Spezialisten. Eine Entwicklung, welche auch in Zukunft anhalten wird. Je komplexer unser industrielles Umfeld, desto wichtiger ist der Fokus auf Fachkräfte. Die Industrie wird gefordert sein, diesen Wandel zu begleiten und darauf ausgerichtete neue Berufsbilder bereitzustellen. Des Weiteren reicht es heute nicht mehr aus, lediglich einen Ausbildungsplatz anzubieten. Wenn aus Auszubildenden mittelfristig Spezialisten werden sollen, dann müssen diese früh lernen, Verantwortung zu übernehmen. Diesem Ansatz wird die Micarna mit ihrem Lehrlingsprojekt «Mazubi» gerecht. Dabei führen die Jugendlichen ein eigenes Unternehmen, entwickeln und produzieren ihre eigenen Produkte und vermarkten diese. Damit werden Selbstständigkeit, Verantwortungsbewusstsein und unternehmerisches Denken früh gefördert. Eine grosse Chance für Auszubildende und Unternehmen.

Ausbildungsprojekt für Flüchtlinge

Wenn auch der Ausbildung junger Fachkräfte eine grosse Bedeutung zukommt, so dürfen andere Zielgruppen nicht vernachlässigt werden. Die Wirtschaft ist in der Pfl icht, auch gesellschaftliche und politische Entwicklungen aktiv mitzugestalten. So hat sich die Micarna entschieden, mit «Maflü» eine spezifisches Integrations- und Ausbildungsprojekt für Flüchtlinge auf die Beine zu stellen. Dieses verfolgt das Ziel, Menschen, die ihr Heimatland aus Gründen wie Krieg und Hunger haben verlassen mussten, dank einer Ausbildung und einer gesicherten Arbeitsstelle eine wirtschaftliche Perspektive zu bieten. Damit können sowohl die individuellen Herausforderungen der betroffenen Personen angegangen, als auch Lösungsansätze mit politischer und gesellschaftlicher Tragweite umgesetzt werden.

Albert Baumann geht die Ausbildung mit innovativen Konzepten an.

Neben unserem Konsumverhalten, den Produktionsabläufen und unserer berufl ichen Grundausbildung verändern sich auch die gesellschaftlichen Vorstellungen und Herausforderungen auf dem Arbeitsmarkt. Eine einem starken Wandel unterworfene Wirtschaft wie die Lebensmittelindustrie, ist auf die Flexibilität, den Weiterbildungswillen und die Diversität der Mitarbeitenden angewiesen. Daher sind kontinuierliche Weiterbildungsangebote, spezifi sche Kaderschulungen oder die persönliche und berufliche Weiterentwicklung von grosser Bedeutung und für das Unternehmen mit langfristigem Erfolg verknüpft. Neben der spezifi schen Personalentwicklung innerhalb des Unternehmens hat die Micarna mit «Merfa» zudem ein Projekt initialisiert, welches Menschen mit langjähriger Berufs- und Lebenserfahrung in der Wirtschaft eine Chancen geben will. Ein Industrieunternehmen im Allgemeinen und die jungen Fachkräfte im Speziellen profi tieren von einem solchen Generationenaustausch. Und er ermöglicht die langfristige Sicherstellung des Wissenstransfers. Denn genau darum geht es am Ende: Trotz rasanter technischer Entwicklungen, trotz Digitalisierung und Roboter-Technologie, den Menschen in der Produktion können all diese Entwicklungen nicht ersetzen – auch in Zukunft nicht. Die Herausforderung für die Wirtschaft liegt darin, diese Entwicklungen zugunsten der Mitarbeitenden zu nutzen und diese mit gezielter Aus- und Weiterbildung auf eine hoch spezialisierte Industrie der Zukunft vorzubereiten.

Albert Baumann, CEO Micarna



Community Führer Lebensmittel- und Getränkeindustrie (KLI) Ausgabe 36 / 2018