Chronische Wunden schmerzfrei mit Kaltplasmajet behandeln

Es ist eine Weltneuheit in der Medizintechnik. Der CE-zertifizierte Kaltplasmajet ermöglicht eine schmerzfreie Behandlung von chronischen Wunden und erregerbedingten Hauterkrankungen.

▶ NICKI TEUMER

Chronische Wunden, die beispielsweise als Folge von Durchblutungsstörungen oder Diabetes entstehen, sind für Bakterien, Viren und andere Keime eine willkommene Eintrittspforte in die Haut und tiefere Gewebeschichten. Die herkömmliche Behandlung mit Antiseptika ist sehr langwierig und nicht immer erfolgversprechend. Selbst die Verabreichung von Antibiotika führt nicht immer zum Erfolg, da sie bei multiresistenten Erregern oft wirkungslos sind – eine Heilung der Wunde ist extrem erschwert bis unmöglich. Eine Lösung für dieses Problem hat die neoplas tools GmbH mit dem kINPen MED: dem weltweit ersten CE-zertifizierten Atmosphärendruck-Plasmajet. Dieser ist als Medizinprodukt zur Behandlung von infizierten und schlecht heilenden Wunden sowie erregerbedingten Erkrankungen von Haut und Haut-Anhangsgebilden zugelassen.

Berührungslos und schmerzfrei
Die Behandlung ist einfach: Der Arzt bewegt einen feinen, blauen Strahl über die wunde Hautstelle. Bei einer Temperatur von circa 37 Grad Celsius spürt der Patient wenig vom Kaltplasma, das durch elektrische Anregung des Edelgases Argon entsteht. Nach einer bis zu zehn Minuten ist die völlig schmerzfreie Prozedur vorbei. Sie wird in der Regel über mehrere Wochen hinweg wiederholt, um die gewünschte Wirkung zu erreichen. Eine antiseptische Wirkung sowie ein Stimulieren der Zellteilung sollen die Wundheilung fördern oder sogar induzieren. Das Verfahren ist berührungslos, hautschonend und für den Patienten schmerzfrei.

«Für Erkrankte mit chronischen Wunden oder einem Diabetesleiden zählen häufige Arztbesuche und ein langwieriger Heilungsverlauf zum Alltag», erklärt Madlen Voss, Sprecherin der neoplas tools GmbH. «Solche Erkrankungen sind für die Betroffenen oft schmerzhaft und auch mental belastend, da Entzündungen in den Wundarealen über längere Zeit wachsen und auch durch starke Geruchsbildung den Alltag sehr einschränken können.» Bei der Behandlung gilt es daher vor allem, die Infektionen zu eliminieren und sämtliche Erreger abzutöten. In der Regel wird dies über den Einsatz von Antibiotika versucht. Oft kann dieses aber aufgrund der schlechten Durchblutung bei chronischen, infizierten Wunden nicht ans Ziel gelangen. Zudem entwickeln viele Problemkeime zunehmend Resistenzen und der Heilungsprozess stagniert beziehungsweise wird rückläufig. Die Wundversorgung ist aufwendig: Da sich chronische Wunden, solange sie infiziert sind, nicht verschliessen, müssen sie sicher abgedeckt werden, um weitere Infektionen und ein Austrocknen der Wundränder zu verhindern. Dies erfordert einen regelmässigen Verbandwechsel, wofür viel Material benötigt wird.

Rein physikalische Wirkung
Um die Behandlungsdauer zu verkürzen und die Chance auf Genesung zu erhöhen, hat die neoplas tools GmbH auf Grundlage der plasmamedizinischen Forschung gemeinsam mit dem Institut für Plasmaforschung und Technologie e. V. den kINPen MED entwickelt. Durch die Jet-Technologie, mit der die wirksamen Plasmakomponenten quasi auf die Wunde ausgeblasen werden, lassen sich auch stärker strukturierte Flächen, Vertiefungen und Kavitäten gut erreichen und gleichmässig behandeln. Plasma kann Erreger abtöten und fördert gleichzeitig die Zellneubildung: «Die Kaltplasmatherapie beruht auf einer rein physikalischen Wirkung, wobei die verschiedenen Komponenten für eine Dekontamination der Wunde sorgen, die Mikrozirkulation fördern und zusätzlich die Wundheilung anregen», erläutert Voss. Die wesentlichen Komponenten des Plasmas sind eine leichte UV-Strahlung, reaktive Sauerstoff- und Stickstoffspezies, elektromagnetische Felder und eine kurzfristige Temperaturerhöhung. In der Kaltplasmatherapie werden die positiven Eigenschaften der verschiedenen Wirkmechanismen verbunden.

Das Plasma arbeitet auf drei Wirkebenen. An der Wundoberfläche hat es einen antibakteriellen und antientzündlichen Effekt. Da die Wirkmechanismen teilweise hochreaktiv sind, greifen sie die schwächeren Zellwände der Keime an und inaktivieren die Erreger. Innerhalb des erkrankten Gewebes werden für die Wundheilung wesentliche Signalkaskaden in Bewegung gesetzt, die dafür sorgen, dass sich die Zellen wieder teilen und die Neubildung angeregt wird. Im weiteren Verlauf kommt es zur Angiogenese. Dabei wird der Sauerstoff- und Hämoglobingehalt durch Anregung der Mikrozirkulation in der Wundumgebung erhöht, wodurch die Gesamtversorgung verbessert wird. Zudem kann das Plasma für eine Schmerzdämpfung und Reduzierung von Juckreiz und Missempfindungen sorgen. «Patienten verspüren die schmerzfreie Behandlung als eine Art kühlen Windhauch auf der Haut, was ihnen auch die Angst vor weiteren Sitzungen nimmt», erklärt Voss die Anwendungsvorteile.

Effektive Ergänzung zur Standardwundversorgung
Da der kINPen MED lediglich aus einer kleinen Grundvorrichtung, einem damit verbundenen Handgerät und einer Gasflasche besteht, ist er in seinem Aufbau ebenso unkompliziert wie in seiner Handhabung. Der optionale Gerätewagen ermöglicht einen flexiblen Einsatz in verschiedenen Patienten- oder Behandlungszimmern. Die Anwendung kann ausserdem durch den behandelnden Arzt an medizinisches Fachpersonal delegiert werden, sodass sich der kINPen MED effizient im Klinikbetrieb einsetzen lässt. Die Kaltplasmatherapie hat sich auch deshalb als effektive Ergänzung zur Standardwundversorgung erwiesen. Während der Behandlung wird der Plasma-Jet senkrecht und in gleichmässiger Geschwindigkeit über das betroffene Wundareal geführt, wobei das Wirkungsfeld des Plasmas etwa einen Radius von einem Quadratzentimeter umfasst. Dabei wird die Intensität der Behandlung über die Zeit gesteuert und sollte zwischen 30 und 60 s/cm² betragen.

--> kINPen MED

Bei schweren Infektionen sollte die Therapie in kurzen Zeitabständen, wie zum Beispiel täglich erfolgen, um die Keimlast möglichst schnell zu reduzieren. Zur anschliessenden Anregung der Wundheilung kann der zeitliche Abstand der Behandlungen auf beispielsweise alle zwei bis drei Tage erweitert werden. Nekrotische Wunden und Wunden mit dicken Belägen müssen vor der Behandlung ein Debridement erfahren. Die notwendige Hygiene bei der Therapie mit dem Kaltplasmapen wird unter anderem durch einen auswechselbaren Abstandhalter gewährleistet.

Die Therapie mit dem Kaltplasma hat keine nachteiligen Auswirkungen auf den Alltag des Patienten. Da die Behandlung nichtinvasiv erfolgt, kann zudem auf eine Anästhesie und das damit verbundene Risiko verzichtet werden, was auch dem medizinischen Personal Arbeit und Zeit spart.

Nicki Teumer
ist technischer Redakteur aus München



Best Partner für Kliniken, Spitäler und Heime 4 / 2018