My Provisorium is my Castle

Nicht nur Prozesse und Technologien müssen laufend optimiert werden, sondern auch die Gebäude, in welchen Spitäler, Kliniken und Heime untergebracht sind. Trotz einer Sanierung oder einem Anbau muss der Betrieb reibungslos weiterlaufen. Eine grosse Herausforderung, für die es mittlerweile clevere Lösungen gibt.

▶ BERND-MATTHIAS RIEMER

Was heute perfekt passt, kann morgen schon zu klein oder veraltet sein. Im Gesundheitsbereich verändern sich die Bedürfnisse von Patienten, Personal, Medizin und Kostenträgern immer schneller. Dazu kommt: Die Lebenserwartung in der Schweiz gehört zu der höchsten weltweit. Die Menschen werden hierzulande immer älter und sind länger auf medizinische Hilfe und betreute Wohnplätze angewiesen. Spitäler und Heime haben regelmässig mit Platzproblemen oder veralteter Infrastruktur zu kämpfen und müssen sich früher oder später alle dieselbe Frage stellen: Sollen die bestehenden Gebäude komplett saniert werden und muss der Betrieb vorübergehend in ein Provisorium umziehen? Oder ist ein Anbau respektive eine Aufstockung des Gebäudes die effizienteste Lösung? Beide Varianten verursachen neben den Kosten auch Lärm, Schmutz und andere Begleiterscheinungen. Das ist deshalb heikel, weil der Betrieb in Spitälern und Heimen nicht einfach stillgelegt werden kann. Mit dem Modul-Konzept hat auch die Holzbau-Branche eine beliebte und effiziente Lösung entwickelt. Das Provisorium oder die Ergänzung werden im Baukastensystem aus fertig produzierten Modulen vor Ort erstellt – zügig und mit sehr wenig Baulärm.

Die Holz-Stahl-Module werden fertig vorproduziert und müssen vor Ort nur zusammengesetzt werden

«Ein Provisorium darf sich nie provisorisch anfühlen.»
Die Erne AG Holzbau ist ein führender Anbieter in der Schweizer Holzbau-Branche und setzt sich seit über 20 Jahren mit Fragen und Problemen im Gesundheitssystem auseinander. Eine der am meisten gestellten Fragen ist die nach einer wirtschaftlichen und angenehmen Lösung, wenn Sanierungen anstehen. «Am Ende wollen alle Kunden ein und dasselbe: eine Idee, die schnell, nachhaltig und damit kosteneffizient umgesetzt werden kann», erklärt Bernd-Matthias Riemer, Bereichsleiter Gesundheit bei Erne. Deshalb hat das Unternehmen vor ein paar Jahren «medico» entwickelt, eine Modulbau-Lösung in Stahl-Holz-Hybridbau. Das Besondere daran: Die einzelnen Module sind so weit vorgefertigt und ausgestattet, dass sie vor Ort schnell und mit einem Minimum an Baulärm installiert werden können. Ob als Ergänzung eines bestehenden Baus oder als Provisorium während einer umfassenden Sanierung. Die Module können als Bettenzimmer oder Büroräume genutzt werden, aber auch als Intensivstation oder Operationssaal. Dementsprechend hoch sind die Anforderungen an diese Gebäudelösung. Riemer erklärt: «Bei der Qualität dieser Räume dürfen wir keinerlei Kompromisse eingehen. Patienten wollen gesund werden, Heimbewohner sollen sich zuhause fühlen und Angestellte müssen unter bestmöglichen Bedingungen ihre Leistung erbringen können. Deshalb darf sich ein Provisorium nie wie etwas Provisorisches anfühlen.»

Operationssaal

Was will ich und was brauche ich?
Der Planungshorizont im Gesundheitswesen nimmt spürbar ab, von allen Seiten wird Flexibilität gefordert. Aber gerade die einfachen und schnellen Lösungen verlangen oft einen intensiven und koordinierten Vorlauf. Die Planung von modularen Gebäudesystemen zwingt die Nutzer dazu, sich im Vorfeld genau mit ihren eigenen Prozessen, den daraus entstehenden Anforderungen und den technischen Bedürfnissen zu befassen. «Man zieht nicht in ein bestehendes Gebäude ein und passt sich den Gegebenheiten an, sondern bekommt das Gebäude sozusagen massgeschneidert. Das ist ein Riesenvorteil, fordert aber eine genaue Bedarfsanalyse», weiss Bernd-Matthias Riemer. Sind die Bedürfnisse des Kunden in Zusammenarbeit mit dem Holzbau-Unternehmen und weiteren Spezialisten geklärt, geht’s meistens zügig: Ein Gebäude aus Modulen benötigt sechs bis acht Monate Bauzeit, die Occasions-Variante ist sogar schon in vier Monaten betriebsbereit.

Eines von 62 Einzel- und Doppelzimmern mit Nasszelle im Provisorium in St. Gallen.

Eine Klinik im Garten der Klinik
Ein Grossprojekt dieser Art steht momentan in St. Gallen: Von 2017 bis 2020 wird hier die Geriatrische Klinik komplett saniert und erweitert. Der Betrieb musste deshalb in ein Interimsgebäude verlegt werden. Im Park des Bürgerspitals wurde auf engstem Raum eine gleichwertige Alternative zur Klinik errichtet. Hier stehen seit einem Jahr zwei Provisorien mit je vier Etagen. Das Bettenhaus verfügt über 62 Einzel- und Doppelzimmer mit Nasszellen, dazu gibt es Stations- und Aufenthaltszimmer sowie Bettenlifte und ein Treppenhaus. Das Bürogebäude daneben beherbergt das Sekretariat, Büros und Therapiezimmer. Die gesamte Anlage besteht aus total 133 Modulen, die im Werk ausgestattet und dann bezugsfertig angeliefert wurden. Besonders wichtig für Spitalbauten, die höchsten Brandschutzanforderungen unterstehen: Die Module sind in allen Kantonen der Schweiz ohne Anpassungen einsetzbar.

Aus 133 Modulen wurde das Provisorium für die Geriatrie in St. Gallen gefertigt.

Während gut dreier Jahre sind diese Provisorien nun Aufenthaltsort für Patienten und Arbeitsort für über 300 Mitarbeitende. Für eine angenehme Atmosphäre wurden in der Interimsklinik massive Unterlagsböden verlegt, welche die Bodenqualität deutlich steigern. Die Gebäudehülle in Minergie sorgt für energetische Nachhaltigkeit. Nach einem Jahr im provisorischen Gebäude zieht Robert Etter, Direktor der Geriatrischen Klinik St. Gallen, eine erste Bilanz: «Wir sind positiv überrascht, wie gut das Raumklima, insbesondere die Schalldämmung zwischen den einzelnen Bettenzimmern, ist. Dasselbe gilt auch für den Trittschallschutz unter den Geschossen. Man fühlt sich wohl in den Räumen und hat nie den Eindruck, sich in einem Provisorium aufzuhalten. Es unterscheidet sich nicht von einem Massivbau.»

Provisorium kann bis zu sechsmal umziehen
Im Jahr 2020 hat das Provisorium seinen Dienst in St. Gallen getan. Und was dann? Ganz einfach: Das Gebäude wird umziehen und für einen neuen Zweck an einem neuen Ort eingesetzt werden. Vielleicht temporär, vielleicht aber auch als dauerhafter Ergänzungsbau. Dank der flexiblen Module kann es auf alle möglichen Arten neu aufgebaut und nachgenutzt werden: grösser, kleiner, höher oder flacher. «Einen Abnehmer gibt es noch nicht», erzählt Bernd-Matthias Riemer. «Aber der wird nicht lange auf sich warten lassen. Flexible Lösungen wie diese sind begehrt wie nie. Spitäler, Heime und ähnliche Institutionen wollen Räume befristet nutzen und sie zurückgeben, wenn der Bedarf nicht mehr da ist.» Bis zu sechsmal lassen sich diese Modul-Gebäude an einem neuen Ort wirtschaftlich wieder aufbauen. Die Grundkonstruktion kann sogar noch öfter wiederverwendet werden und ist auf eine Nutzungsdauer von 50 Jahren ausgelegt. Zudem gibt es für jede Situation eine passende Finanzierungsart dazu. So können Kosten pro Bett ab CHF 100 000 erreicht werden, die für eine gleichwertige Leistungserbringung dauerfristig zur Verfügung stehen.

Bernd-Matthias Riemer ist Dipl. Ing. (FH) Holztechnik und Heilpraktiker. Seit 2007 ist er für die Erne AG Holzbau im Verkauf und Produktmanagement verantwortlich. Für den Gesundheitsmarkt hat er 2013 das Modulsystem medico entwickelt. Er ist Mitglied im Beirat des Studienganges Healthcare Real Estate Management der Universität Stuttgart.



Best Partner für Kliniken, Spitäler und Heime 4 / 2018